Als Kind habe ich alles geliebt, was irgendwie mit Zeitreisen zu tun hatte. Orson Wells „Die Zeitmaschine“ war eines meiner Lieblingsbücher. Aber auch Science-Fiction Serien habe ich nur so verschlungen. Dass Zeitreisen später für mich einmal zum Problem werden könnte, habe ich damals nicht gedacht.

Mittlerweile ist es jedoch so. Zeitreisen sind für mich zu einer ernsten Bedrohung geworden. Etwas, dass mich immer wieder einnimmt und nicht zur Ruhe kommen lässt. Ganz egal, ob es dabei in die Zukunft oder in die Vergangenheit geht.

Vielleicht fragst du dich langsam, ob ich noch alle Latten am Zaun habe. (Diese Frage ist durchaus berechtigt.) Ich spreche hier jedoch nicht von Zeitreisen im physischen Sinne. Was ich meine, sind gedankliche Zeitreisen. Das Nachdenken über Dinge, die in der Zukunft oder Vergangenheit liegen, und den Moment eigentlich nicht betreffen.

Früher hatte ich das nicht so massiv. In der Schul- und Studienzeit gab es zwar auch Momente, in denen ich über vergangene Ereignisse nachgedacht habe, oder mir über meine Zukunft Sorgen gemacht habe, aber ich habe mich in diesen Gedanken nicht verloren wie in einem Spiegelkabinett.

Erst mit Beginn der Selbstständigkeit vor 5 Jahren begannen diese Zeitreisen immer mehr zuzunehmen.

Reisen in die Vergangenheit können dabei in etwa so aussehen:

Habe ich letzte Woche die richtige Entscheidung getroffen? Ist diese Selbstständigkeit nicht insgesamt totaler Quatsch? Sollte mir lieber wieder einen „richtigen“ Job suchen? Ist mein Gesprächspartner von gestern beleidigt? War es klug, diesen Brief abzuschicken? War damals, als ich noch ein festes Gehalt hatte, doch alles besser? Hatten doch alle recht, die mir davon abgeraten haben?

Reisen in die Zukunft hingegen sahen in den letzten Jahren eher wie folgt aus:

Wie soll ich nächste Woche die Rechnung bezahlen? Was mache ich, wenn nächsten Monat kein Geld mehr rein kommt? Macht diese Investition Sinn? Wie möchte ich in 5 Jahren leben? Was muss ich tun, um dorthin zu kommen? Ist das Geld, dass ich jetzt habe, genug, um mal pause zu machen? Werde ich vereinsamen, wenn ich zu viel reise? Sollte ich zurückschrauben? Was muss ich morgen unbedingt noch erledigen? Habe ich diese Mail abgeschickt?

Wie du siehst, meine gedanklichen Zeitreisen sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die eine oder andere kennst du vielleicht selbst. Oft führt ein Gedanke zum Anderen, und schwups, stecke ich in einem Gedankenstrudel fest, der an meinen Nerven zerrt, meine eigene Aufmerksamkeit von nahestehenden Menschen wegzieht und mich in mein Inneres führt und mir Nachts den Schlaf raubt. Ich werde wie in einem Sumpf nach unten gezogen.

Erst wenn ich meinen Frieden damit mache, keinen Schlaf zu finden, lässt mich der Sumpf wieder gehen (und die alte Morla sagt zu mir: „Es spielt absolut keine Rolle, ob es eine Rolle spielt.“)

Selbstständigkeit kann einen nervlich fertig machen.

Als Unternehmer(in) hast du immer etwas zu tun. Der ständige Drang, weiter voran zu kommen, führt dazu, dass viele Selbstständige freiwillig Nachtschichten einlegen oder die Wochenenden durcharbeiten. Auch mir geht es so. Man liebt schließlich, was man tut, und arbeitet für das eigene Business. Wenn du nichts tust, passiert auch nichts. Bloss keine Zeit verplempern.

Ich habe merken müssen, dass ich, wenn ich mir meine Entspannungszeit selbst immer weiter beschneide, weiter in den Abwärtsstrudel der gedanklichen Zeitreisen gezogen werde. Denn wenn der Geist nicht mehr entspannen kann, dann entwöhnt er sich regelrecht davon, zur Ruhe zu kommen.

„Ist eigentlich für morgen alles vorbereitet? Hmmm. Nur nochmal kurz auf dem Handy eine Nachricht senden, bevor ich mich zu meinem Partner aufs Sofa setze und ihm meine volle Aufmerksamkeit schenke“ sage ich zu mir selbst, und merke dabei gar nicht, wie aus „nur mal eben“ fast 1 Stunde geworden ist.

Aus ruhiger See wird ein dauernd tobender Sturm im Kopf. Die Schlafqualität nimmt ab, was wiederrum zur Verstärkung des Gedankenkarussels führt. Innere Anspannung wird zum Normalzustand. Freunde und Familie beschweren sich, dass man ihnen keine Aufmerksamkeit schenkt. Warum wollte man ursprünglich eigentlich gleich noch diese ganze Ortsunabhängigkeit? Ach ja, Hamsterrad und so.

Wichtigster Schritt: Das Problem als solches erkennen!

Wer das Problem kennt, hat es wesentlich leichter, dieses zu bekämpfen. Seit ich mir selbst eingestanden habe, dass meine innere Anspannung ein ungesundes Ausmaß erreicht hat, weiß ich, dass ich an diesem ständigen Gedankenkarussell etwas ändern muss.

Vielleicht liest du diesen Artikel und denkst dir: „Wovon redet der eigentlich?“ Vielleicht liest du ihn, und findest dich in meinen Zeilen wieder, ja sogar ertappt. Ich hoffe, dass mein Outing als Zeitreisender dich ebenfalls zum Grübeln bringt, sollte es dir ähnlich gehen.

In diversen Gesprächen mit Freunden habe ich viele Tipps bekommen. Mehr Schlaf, autogenes Training, Meditation. Was aber am besten funktioniert, ist eigentlich so naheliegend:

Den Laptop häufiger zuzuklappen…

…und der Internet-Welt den Rücken zuzukehren. Wochenenden und Feierabende haben tatsächlich ihre Berechtigung. Egal, wie begsietert ich von meiner eigenen Arbeit bin: Mentale Pausen sind essentiell. Das habe ich mittlerweile verstanden.

Die Zeit, der Gegenwart mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ist gekommen!

Langsam gelingt es mir, wieder häufiger im Hier und Jetzt anzukommen und mich nur auf den Moment zu konzentrieren. Das Hier und Jetzt legt sich dann wie eine kuschelige Wolldecke über mich und mein Gedankenkarussell, und ich fühle mich wohlig warm und zufrieden. Gemütlich hier, denke ich mir dann, und beschließe, öfters hier vorbei zu schauen.

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

16 Antworten zu “Zeitreisen – Geständnisse eines Unternehmers”

  1. Hi Tim,

    aus der Zeit nach meiner Trennung kenne ich die Situation nur allzu gut. Ständig stellte man sich selbst in Frage und wusste nicht, was falsch und was richtig ist. Das Leben hat sich vollkommen verändert. Verunsicherung war im Mittelpunkt und gehörte zum Alltag.

    Der Punkt allerdings, dass man erkennt, dass man auf der Zeitreise ist, diese akzeptiert und sich bewusst anderen Dingen wendet, ist in meinen Augen schon die halbe Miete und heute habe ich keinerlei Probleme mehr damit. Der Schlüssel ist für mich der Prozess des bewussten „Umschaltens“ auf eine komplett entgegengesetzte Tätigkeit:

    Beispiele:
    1. Was ist da damals nur passiert? –> Welche Chancen haben sich dadurch ergeben?
    2. Ich arbeite jetzt schon 10 Stunden –> Arbeit abschließen und auf Entspannungsprogramm gehen

    Ich vergleiche es ein bisschen mit dem Krafttraining. Bei vielen Trainingsprogrammen trainiert man immer gezielt den Gegenmuskel in den Pausen, damit sich der vorher trainierte Muskel erholen kann. Ich denke, genauso ist es auch im Leben.

    Viele Grüße

    Lars

  2. Hallo Tim,

    ich kenne das Problem auch sehr gut. Bei mir hat sich das aber zum Glück wieder gelegt.

    Ich habe mir gesagt: Was bringt es mir, wenn ich über Dinge nachdenke, die schon passiert sind?

    Ich versuche mich immer auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

    MFG Philipp

  3. Danke Tim für diesen wichtigen und wunderbar geschriebenen Artikel.

    Genauso wie der Druck bei einem Arbeitgeber dazu führen kann, immer weiter zu arbeiten, passiert das ebenfalls, wenn man für seine eigene Firma lebt und arbeitet.

    Es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, dass Abstand und Pause nicht minder wichtige Bestandteile sind. Ich schaffe das, in dem ich wandern gehe. Das Smartphone im Flugmodus dabei, für den Notfall. Ansonsten einfach Ruhe, Natur und den Moment geniessen. Hinterher sind die Batterien wieder aufgefüllt.

    Beste Grüsse, Jana

  4. Danke Tim für diesen wichtigen und wunderbar geschrieben Artikel.

    Genauso, wie man bei einem Arbeitgeber durch den herrschenden Druck immer viel arbeitet, passiert das genauso, wenn man selbstständig ist und für das eigene Unternehmen mit viel Herzblut arbeitet.

    Es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, wie wichtig Pausen und Abstand sind. Ich hole mir den notwendigen Abstand beim Wandern. Kein Laptop, nur das Smartphone dabei. Für Notfälle, aber im Flugmodus. Nach einer Wanderung sind meine Batterien wieder aufgeladen und der Geist ist wieder kreativ.

    Beste Grüsse, Jana

  5. Benjamin

    Hi Tim,

    Ertappt. Mal mehr mal weniger… das geht einem auchg als Angestellten so, wenn man etwas im Leben erreichen möchte.

    Bei Reisen in die Vergangenheit nie fragen, ob das die richtige Entsheidung war. Es ist eine Erfahrung, welche dich heute noch prägt. Wenn die Entscheidung aus deiner Sicht gut war, diese widerholen. Wenn Sie suboptimal war, nicht bereuen, sondern überlegen, was man das nächste mal besser machen wird.
    That is it.

    Zeitreisen in die Zukunft nur mit postiven, emotional wirkungsvollen Bilder aufladen. Niemals nie darf man sich die Frage stellen, ob man scheitern kann. Dan wirst du es…. Aber das ist ja nichts neues für dich. Mir persönlich hilft es immer wieder dieses Wissen aufzufrischen und zu verinnerlichen.
    The Sky is the limit!

    Sei Hier im Jetzt, ist einer der besten Erkenntisse aus dem letzten Jahr.
    Meditation hilft ungemein.

    LG, Ben

  6. Hi Tim,

    ein super Beitrag und vor allem auch eine schöne Metapher! Diese Art der Zeitreisen kenne ich auch ziemlich gut. Die Sache mit dem „mehr Schlaf“ klappt zwar bisher noch nicht optimal, dafür aber immer mehr offline-Momente und freie Wochenenden ohne Laptop… Mit Meditation konnte ich mich bisher noch nicht so anfreunden, aber da es vielen scheinbar hilft, werde ich es auf längere Sicht auch mal antesten.

    Viele Grüße aus dem kalten Berlin
    Nina

  7. Hallo Tim
    Ich bin der Meinung, dass das ganz normal ist. Genau darum habe ich die online-qigong Schulung entwickelt. Zur Regulation des Konzentrationsmodus können verschiedenste Methoden angewendet werden und meiner Meinung nach am besten in Kombination. Der soziale Aspekt ist für uns Menschen sehr wichtig und sollte nie zu kurz kommen, egal wie stark wir für den Job brennen. Neben dem „Nichtstun“ gibt es auch aktive Erholungsmethoden. Stille Sitz-Meditation ist gerade in Momenten der Angespanntheit eher schwierig. Hierzu kann ich Qigong empfehlen. Der Vorteil ist, dass im Qigong Ruhe durch Bewegung erlangt werden kann. Körper und Geist regulieren dadurch. Anschliessend kann man sich dann gut auch in der Sitzmeditation versuchen, wenn das Innere zur Ruhe gekommen ist. Peobiers doch auch mal aus, wir sind nun live im Netz.
    Herzliche Grüsse aus dem weissen Appenzell
    Pepe

  8. Ertappt!

    Hi Tim, sehr guter Artikel… bei mir nehmen die „Zeitreisen“ auch immer mehr zu, vor allem, nachdem ich mit einem neuen Business mehr oder weniger wieder von vorne anfange. Selbst, dass das alte mich noch voll finanziert, trägt nicht zum Seelenfrieden bei…

    Wie du schreibst, man muss das Problem erkennen und langsam lernen, damit umzugehen. Digital Detox gehört auf jeden Fall dazu. Wenn nur nicht dieses blöde iPhone das moderne Schweizer Taschenmesser wäre und man somit doch ständig draufschaut 😉

    Freue mich, dich am Wochenende auf der DNX zu sehen und zu hören!
    So long,
    Johannes

  9. Hi Tim,

    wieder einmal ein sehr treffender und authentischer Tatsachenbericht eines DN.
    Danke für deine Offenheit.

    Kann das alles gerade aus eigener Erfahrung vollauf bestätigen. Nach 6 Monaten hauptberuflicher Selbständigkeit (Aufbauphase). Die Zeiten am Laptop sind viel zu lange, die Nächte zu kurz, und das abendliche Einschlafen/Abschalten dauert zu lange 😉

    Werde deine Tipps und Erfahrungswerte beherzigen, insbesondere was es bedeutet, auch als Selbständiger ein Wochenende und Feierabend zu haben. Was nützt all das Buisness, wenn ich ständig überreizt und unausgeglichen bin. Und vor allem zurück in den Moment – Yes – und weg von den „Zeitreisen“..

    Am Samstag sollen es hier bis zu 24 Grad geben. Na dann .. weiß ich was zu tun ist 🙂

    LG
    Oliver

  10. Hallo Tim,

    Danke für Deinen Artikel und für Deine Offenheit. Ich kann das auch als Angestellte total nachvollziehen. Es ist nicht immer so, dass mit dem schliessen der Bürotür nach Feierabend alle Gedanken und Grübeleien für den Job weg sind. Und wenn man sich dann nebenher noch ein Onlinebusiness aufbauen will, kommen noch ein paar mehr Zeitreisen dazu 🙂

    Ich bin aber auch gerade total erleichtert, weil ich auf meinem Blog genau für solche Sutitationen schreibe. War gerade in dem Modus, wofür mache ich das alles eigentlich, liest doch eh keiner und braucht vielleicht auch keiner.

    Danke für den Energiekick 🙂

    Viele Grüße Michaela

  11. Danke für die ehrlichen Worte. Ich hatte das Problem vor einigen Jahren auch – als Angestellte. Auch wenn ich genau wusste, dass es nichts ändern würde konnte ich mich gedanklich von einigen Themen nicht lösen. Für mich war die Lösung Thai Chi – es hilft mir sehr erfolgreich notwendige Türen zu schliessen und auch in oder nach schwierigen Situationen meine innere Mitte wieder zu finden. Und zur Not kann ich einfach auf die Toilette gehen und ein paar einfache Übungen machen bis es wieder geht. Blöd ist nur, dass hier jeder seine eigene Lösung finden muss. Viel Glück dabei deine Zeitreisen loszuwerden. 😉

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