Es gibt Erfahrungen, über die fast nie gesprochen wird, wenn es um das Leben als ortsunabhängiger Unternehmer geht. Dabei spreche ich nicht von den grauen Haaren, die man in stressigen Zeiten bekommen kann. Ich spreche vielmehr von der Verschiebung der eigenen Realität.

Sokrates hat bereits vor mehr als 2400 Jahren die Hoffnung zunichte gemacht, dass wir Menschen die Realität objektiv wahrnehmen können. Er ging davon aus, dass eine objektive Wahrheit dem menschlichen Erkenntnisvermögen nicht zugänglich ist.

Jeder Mensch schafft somit seine eigene Realität. Wer besonders stark von gesellschaftlichen Normen abweicht, erschafft somit auch eine umso stärker abweichende Realität.

Du bewegst dich in einem Paralleluniversum

Ein ortsunabhängiger Lebensstil kann sehr stark von den Realitäten anderer abweichen. Viele Menschen werden einfach nicht verstehen, was du da treibst. Du wirst als Lebenskünstler abgestempelt, oder als arbeitsfaul. Selbst wenn du sehr viel Zeit in deine Arbeit investierst oder du gut verdienst, werden manche Menschen dich nicht so richtig ernst nehmen. Das musst du aushalten können.

Du suchst dann die Nähe zu Gleichgesinnten und das Lebensmodell der digitalen Nomaden wird zunehmend zu einem zentralen Teil deiner Realität.

Du fragst dich letztendlich, wie man es in einem Job, bei dem man jeden Tag in einem anonymen Office sitzen muss, überhaupt aushalten kann. Wie man Arbeit machen kann, die einem sinnlos erscheint und wie man Arbeitsprozesse ertragen kann, die ineffizient sind.

Deine Realität verschiebt sich am Ende so sehr, dass es nahezu unmöglich scheint, wieder ins „alte Leben“ zurückzugehen, ohne in eine Depression zu verfallen.

Was viele Menschen als komisch, albern, träumerisch oder unnormal ansehen, wird für dich völlig normal. Bist du dafür bereit?

Du kommst als Unternehmer nie irgendwo an

„Dieses Jahr werde ich noch einmal richtig Gas geben, damit ich nächstes Jahr einen Gang zurück schalten kann.“

Diesen Satz habe ich mir auch schon mehrfach eingeredet, umgesetzt habe ich ihn aber nie. Denn mit steigenden Einnahmen verschiebt sich auch die Wahrnehmung der eigenen Situation.

Das Gefühl völliger Sicherheit ist eine Illusion, die man allein durch höhere Einnahmen nicht erreichen kann.

Das geht nicht nur mir so. Im Gespräch mit anderen ortsunabhängigen UnternehmerInnen stellt sich sehr häufig heraus, dass es ihnen genau so geht. Egal, ob sie 10.000 Euro, 100.000 Euro oder 500.000 Euro im Jahr verdienen: Fast alle werden getrieben von dem Wunsch, sich finanziell noch ein bisschen sicherer aufzustellen. Dahinter steht ein alter Bekannter: Die Angst vor finanzieller Unsicherheit. Verrückt, oder?

Das Ganze hat aber auch klare Vorteile: Dieses Angstgefühl treibt einen auch an und motiviert. Es sorgt dafür, immer noch einen Schritt weiter gehen zu wollen. Angst ist ja grundsätzlich nichts Schlechtes. Man kann Ängste sowieso nicht komplett ablegen, sondern muss mit ihnen umzugehen wissen.

Du kannst Ängste sublimieren, in konstruktive Bahnen lenken. Nicht in Starre verfallen, sondern die unweigerlich entstehende Flut aus Stresshormonen als Raketentrieb der eigenen Schaffensphase nutzen.

Egal, wie viel Geld du auf deinem Bankkonto hast, es erscheint dir im Nachhinein immer weniger, als zum Zeitpunkt, als du noch mit geringeren Einnahmen auskommen musstest.

Dieser ständige Trieb, die eigene finanzielle Situation weiter zu verbessern, empfinde ich nicht als Fluch. Schließlich geht es dabei vor allem darum, bessere Möglichkeiten für Ideenrealisierungen und Investitionen zu schaffen. Besonders als Mensch mit vielen unternehmerischen Ideen, ist Geld das wichtigste Werkzeug, um diese umsetzen zu können.

Eine gewisse Existenzangst bleibt dabei trotzdem bestehen, aber mein Umgang mit ihr hat sich geändert. Kannst du mit deinen Ängsten umgehen und diese positiv nutzen?

Das Verhältnis zwischen Geld und Sicherheit ist relativ

Stell dir vor, du hättest plötzlich 1 Millionen Euro auf deinem Bankkonto. Vermutlich würdest du Freudensprünge machen, ein erhöhtes Sicherheitsgefühl haben und dich unglaublich reich fühlen.

Nun stell dir einmal vor, Bill Gates hätte plötzlich nur noch 1 Millionen Euro auf seinem Bankkonto. Vermutlich würde er sich fühlen, wie ein Obdachloser, der alles verloren hätte. Er würde sich unglaublich arm fühlen und hätte plötzlich mit Existenzängsten zu kämpfen.

Was zeigt diese kleine Geschichte? Geld, und das häufig damit verbundene Gefühl von Reichtum, ist unglaublich relativ. Es hängst ganz stark davon ab, in welcher persönlichen Realität wir uns bewegen und an welche Verhältnisse wir uns gewöhnen. Es passiert (wie so vieles in unserem Leben) alles nur im Kopf. Im Übrigen auch, ob und wie sehr wir „Reichtum“ überhaupt mit den eigenen Finanzen verknüpfen.

Wir spüren als Unternehmer den Druck, unser Business immer weiter zu entwickeln, unterliegen jedoch schnell der falschen Annahme, dass dieser Druck irgendwann einfach verschwindet, wenn ihr an der vermeintlichen Bergspitze angekommen sind.

Wenn du aber einmal akzeptierst, dass es keine Bergspitze gibt und dieser Druck nie völlig verschwindet, dann kannst du damit wesentlich besser umgehen und dir bewusst Freiräume und Pausen schaffen, in denen du entspannst und zur Ruhe kommst, ohne der Illusion zu erliegen, dass dies irgendwann mal als eine Art Dauerzustand eintritt.

Vorsicht vor der „immer was zu tun“ Falle

Als Unternehmer gibt es selten die Situation, dass eine To-Do Liste abgearbeitet ist. Es kommt immer mehr hinzu, als man erledigen kann. Damit muss man umgehen können. Als Angestellter hast du irgendwann Feierabend und kannst im Idealfall sofort danach die Füße hochlegen.

Als ortsunabhängiger Unternehmer solltest du natürlich auch hin und wieder die Füße hochlegen. Du allein bestimmst aber, wann es soweit ist. Du musst. Wenn du das nicht tust, dann endet dein Arbeitstag womöglich erst, wenn du am Schreibtisch einschläfst.

Dieser Trieb, immer noch ein bisschen mehr erledigen zu müssen, bevor man die Arbeit beendet, kann schnell gefährlich werden. Ich habe damit auch immer wieder zu kämpfen und hin und wieder nimmt es ungesunde Züge an.

Es gibt im Grunde immer etwas zu tun. Da hilft es nur, bewusst mal Fünfe gerade sein zu lassen und sämtliche To-Do’s zu ignorieren. Gar nicht so einfach, erst recht, wenn die Arbeit Spaß macht und der Messenger ständig mit Nachrichten der Kollegen klackert.

Gib also lieber nicht „dieses Jahr noch einmal richtig Gas, um nächstes Jahr herunterzuschalten.“ Gönn dir einfach heute eine Pause. Schalte heute einen Gang zurück. Und morgen machst du weiter, so wie immer, und zwar in einem gesunden Tempo.

Unternehmer zu sein, ist toll. Aber es bedeutet nicht, dass man keine Sorgen, Ängste und Probleme hat. Ganz im Gegenteil. Es sind einfach nur andere, als zuvor. Die Frage ist vielmehr: Welche sind dir lieber?

Auch deine Wahrnehmung ändert sich in vielen Bereichen. Du wirst durch diese Wahrnehmungsverschiebung die Welt womöglich mit völlig neuen Augen sehen. Bist du bereit für dieses Paralleluniversum?

Unternehmer

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

6 Antworten zu “Graue Haare und die Verschiebung der eigenen Realität als Unternehmer”

  1. Schön, dass du dich diesem Thema ausführlich annimmst. Ich fand das in unserem Interview schon sehr spannend und du hast das hier nochmals sehr anschaulich weiter ausgeführt. Ich kenne diese Realitätsverschiebung auf jeden Fall sehr gut auch aus eigener Erfahrung.
    Lg aus Phuket
    Sebastian

  2. Hi Tim,

    sehr schön beschrieben (auch wenn ich mir aktuell um meinen Reichtum noch keine Sorgen machen muss).

    Eine Passage hat mich ein wenig irritiert: „Du wirst als Lebenskünstler abgestempelt, oder als arbeitsfaul. Selbst wenn du sehr viel Zeit in deine Arbeit investierst oder du gut verdienst, werden manche Menschen dich nicht so richtig ernst nehmen.“
    Heißt das im Umkehrschluss, dass es okay ist, wenn Leute die nicht sehr viel Zeit in ihre Arbeit investieren oder die nicht gut verdienen, als Lebenskünstler oder arbeitsfaul abgestempelt werden?
    Ich denke, es geht darum, JEDEN Menschen ernst zu nehmen, ganz egal, ob er ein Bürohengst ist, Digitaler Nomade, wirklich ein Lebenskünstler oder einfach nicht arbeiten kann oder will.

    Liebe Grüße

    Mischa

    • Tim Chimoy

      Hi Mischa. Danke für deine Worte.

      Der von dir herausgelesene Umkehrschluss entspricht definitiv nicht dem, was ich damit aussagen möchte. In meinen Worten liegt keine Wertung. Nur eine Feststellung. Jeder Mensch sollte ernst genommen werden, egal für welches „Modell“ er sich entscheidet. Ist aber meist nicht so.

  3. Immer wieder ein spannendes Thema…allerdings lebe ich in der Realität, dass man sehr wohl die „Angst“ komplett abschalten kann. Ich habe immer wieder sehr viel riskiert, viel mehr, als „nur einen Job zu verlieren“, und habe dabei herausgefunden, dass man tatsächlich weder stirbt, noch seine Freunde oder sein Wissen verliert, wenn man mal kein Geld mehr hat. Das hilft sehr, um wirklich grenzenlos zu handeln, denn Existenzängste sind nicht gerade die schönsten Gefühle, die einen als Unternehmer antreiben können.
    Und ja, das mit der Realitätsverschiebung ist auch wichtig zu beobachten. Viele Menschen in Deutschland leben in einer Box, aus der sie sich nicht trauen oder nicht selbst erlauben, mal herauszuluken.
    Wer das aber mal macht, und vielleicht ebenfalls anfängt, ein Bein herauszustrecken und danach die Box ganz zu verlassen, dem öffnen sich unendliche Möglichkeiten, die einer großen Spielwiese gleichen, auf der man jeden Traum wahr machen kann.
    (Natürlich gibt es auch „Risiken“, aber die gab es auch früher als Kind im Sandkasten oder auf der Schaukel…hat das uns als Kind vom Spielen abgehalten? 😉 )

  4. Christian

    Toller Beitrag, den ich erst jetzt entdeckt habe. Danke dafür 🙂

    „Deine Realität verschiebt sich am Ende so sehr, dass es nahezu unmöglich scheint, wieder ins „alte Leben“ zurückzugehen, ohne in eine Depression zu verfallen.“

    Genau das ist mir in den letzten Jahren auch passiert. So wie damals das ortsunabhängige Arbeiten einer Illusion glich, kann ich mir heute absolut nicht mehr vorstellen wieder als Angestellter an meinem alten Schreibtisch zu sitzen. Interessanterweise bereitet mir allein der Gedanke daran schon Unbehagen.

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