Der Stereotyp eines ortsunabhängigen Unternehmers sehen meist in etwa so aus: Mit dem Laptop an der Strandbar, 10 Skype-Calls am Tag, 30 Mal im Jahr im Flieger, Abends wilde Parties an den schönsten Orten der Welt. Jeder Tag ist anders und aufregend. Immer in Bewegung. Immer Veränderung.

Mein Alltag könnte von diesem Bild nicht weiter entfernt sein. Langweilig wird mir trotzdem nicht. Ortsunbhängigkeit muss nicht bedeuten, alle 2 Wochen im nächsten Flieger zu sitzen. Stell dir vor, alle 7 Milliarden Menschen auf der Welt könnten sich das leisten und würden es dann auch noch tun? Wir hätten ein Problem.

Ortsunabhängigkeit kann zum Glück auch einfach bedeuten, das eigene Leben freier zu gestalten. Nach den eigenen Regeln zu leben. Wie auch immer das für einen persönlich aussehen mag. Wenn das 30 Flüge im Jahr sind, ist das deine Entscheidung.

Für mich persönlich bedeutet Ortsunabhängigkeit vor allem: Routinen im Kleinen, Abwechslung im Großen.

Für meinen Tagesablauf bemühe ich mich, so viel Routine und Alltag wie möglich hinein zu bringen. Ich stehe meist zur selben Zeit auf, trinke einen Kaffee und esse mein Müsli. Danach arbeite ich von zuhause oder meiner jeweiligen Unterkunft 2 Stunden an kreativen Dingen. Dann geht es gegen 11 Uhr für ca. 1 Stunde zum Sport. Dann ein ausgiebiges Mittagessen und im Anschluss 3-4 weitere Stunden Arbeit, in denen ich kleinere Aufgaben des Tages abarbeite. Am Abend treffe ich Freunde, gehe Essen, lese oder schaue Filme. Im Idealfall liege ich um Mitternacht im Bett. Im Idealfall zumindest.

Egal, wo ich bin und ob ich dort für 3 Wochen, 3 Monate oder 3 Jahre lebe: Ich versuche, diese Tagesroutine weitestgehend beizubehalten. Sie gibt mir Struktur und Rhythmus, damit ich mich in der Freiheit als ortsunabhängiger Unternehmer nicht verliere. Viel Freiheit kann nämlich auch schnell dazu führen, dass man sich nur Treiben lässt, die Tage im Chaos versinken und man seinen Zielen nicht näher kommt.

„Nur langweilige Menschen haben Langeweile.“ Dieser Satz stammt von Karl Lagerfeld und er ist mir seit ich ihn vor einigen Jahren gehört habe gut in Erinnerung geblieben. Ich finde, er stimmt. Wer sich ständig und ohne Pausen, ohne Rythmus im Leben in Abenteuer stürzen muss, der versucht nur seiner eigenen Langeweile zu entkommen, und somit der Tatsache, dass er oder sie keine Begeisterung für Dinge entwicklen kann. Routine hingegen klingt langweilig, aber ist in Wahrheit das Gegenteil. Routine zeigt, dass man Interessen und Passionen folgt, die einen antreiben. Egal, ob das ein Sport ist oder ein berufliches Projekt.

Abwechslung bringen bei mir also nicht die Abläufe der einzelnen Tage, auch wenn ich mir natürlich schon hin und wieder einen Pausentag gönne. Meist am Sonntag, da dann auch befreundete Angestellte frei haben (ja, ich spreche mit Angestellten und lege sogar darauf Wert, dass mein Freundeskreis nicht ausschließlich aus Digitalen Nomaden besteht).

Abwechslung bringen mir vor allem zwei Dinge. Zum einen ist das ein multilokaler Lebensstil, der bedeutet, dass ich trotz der Tagesroutine auch einmal den Wohnort für eine Weile wechsele. Im Idealfall Orte, die ich schon gut kenne, weil ich dort mit einem Fingerschnips wieder in meine Routine zurück finde. Zum anderen sind das hin und wieder kurze Trips, bei denen die Routine zuhause bleiben darf. Wenn ich mal just for fun für 5 Tage an einen neuen Ort reise, dann brauche ich dort keine Routine – dann ist es Zeit, den Kopf durchzulüften. Muss auch mal sein.

Natürlich tickt jeder Mensch ein bisschen anders. Manche Menschen sind extrem gesellig. Andere brauchen viel Zeit für sich allein. Ich gehöre zu Letzteren. Wenn ich einen Abend mit vielen Menschen verbringe, dann brauche ich im Anschluss einen Abend für mich allein. Die Ladezeit meiner Batterie entspricht in etwa ihrer Betriebszeit, und die Gesellschaft vieler Menschen macht mir zwar Spaß, aber raubt mir eine Menge Energie.

Auch bin ich kein Freund von Kompromissen, und mache lieber etwas allein, als mich den Plänen einer großen Gruppe unterordnen zu müssen. Wenn die einen lieber in die Alpen fliegen möchten und ich lieber ans Meer, dann macht es ja keinen Sinn, sich auf Düsseldorf zu einigen. Dies führt natürlich dazu, dass ich auch oft mal allein unterwegs bin. Das ist auch okay so, so lange es nicht permanent der Fall ist, denn um im Großen und Ganzen bin ich schon gesellig. Wenn du ähnlich tickst wie ich, dann wirst du mich sicher gut verstehen. Wenn nicht, dann hilft dir das geschilderte vielleicht, uns etwas introvertiertere Nomaden besser zu verstehen. Wir brauchen einfach etwas mehr Alleinzeit als Andere.

All dies ist wohl der Grund, warum das Reisen in nomadischen Gruppen oder Co-Working Spaces mit enger Community für mich nicht funktionieren – oder nur dann, wenn ich die Freiheit habe, mich jederzeit zurückzuziehen. Ich mache deswegen keinen „Urlaub in den Misanthropen“, aber ich komme schnell an meine Limits. Soziale Routine hilft mir auch hier, sowie Menschen, die ich bereits gut kenne. Mit denen umgebe ich mich am liebsten.

Mein Vorsatz für 2016 ist es, wieder ein festes Zuhause zu haben. Naja, vermutlich eher zwei. Orte, an denen ich sogar um so mehr meine Routine habe, meinen Interessen und Passionen uneingeschränkt nachgehen kann und mich auch mal fallenlassen kann. Das hat überhaupt nichts mit der Ansammlung von Dingen oder Reisemüdigkeit zu tun. Auch nicht die Erkenntnis, dass Ortsunabhängigkeit Quatsch ist. Es funktioniert für mich einfach schlichtweg besser. Am Ende ist Zufriedenheit zu 90 Prozent reine Einstellungssache.

Trotzdem kann ich vor allem dank meines ortsunabhängigen Unternehmens nach meinen eigenen Regeln leben und bin frei, jederzeit zu tun, was ich will. Auch meine Routine beispielsweise folgt ganz meinen eigenen Regeln, und wäre ohne ein so flexibles Business nicht denkbar. Zudem möchte ich die Freiheit haben, jederzeit reisen zu können, wenn ich mich danach fühle. Ich muss es nicht, aber kann es jederzeit.

Für mich ist Digitales Nomadentum kein Lifestyle. Ein ortsunabhängiger Lebensstil ist nur ein Werkzeug (ein fantastisches Werkzeug wohlgemerkt), um deinen persönlichen Lifestyle zu verwirklichen – wie auch immer der aussehen mag. Vermutlich – zum Glück – völlig anders als meiner.

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

5 Antworten zu “Ein Tag im Leben von…”

  1. Hey Tim,

    danke, dass du deinen Tagesablauf mit uns teilst. Ich finde das immer wieder interessant. 🙂
    Ich denke, es kommt auch darauf an, ob man etwas tut, was man gerne tut, oder ob man eine Geldquelle verwaltet. Im zweiten Fall ist man natürlich viel eher geneigt, mal nicht weiter zu arbeiten.

    Ich bin auch ein Mensch, der gerne mal alleine ist. Ich bin von Natur aus sehr ruhig und brauche auch einfach Zeit um mit meinen Gedanken allein zu sein, ich kann nicht permanent Hektik um mich herum haben. Aber ich habe auch Menschen, mit denen ich unheimlich gerne Zeit verbringe und dann bin ich auch in Unternehmungs-Laune. 🙂

    Tja, im Endeffekt ist jeder Mensch anders. Ich würde nicht mal unbedingt so viel unterwegs sein wollen. Aber Abenteuer wünscht sich, glaube ich, jeder. Auch wenn die für jeden anders aussehen.

    Liebe Grüße,
    Ronja

  2. Servus!

    Danke für diesen ehrlichen Einblick. Gerade weil ich noch am Anfang meiner Selbstständigkeit stehe ist der Artikel sehr interessant für icht.
    Ich kann Deine Einstellung absolut nachvollziehen. Ich sehe mich eigentlich auch als gesellig an, dennoch verbringe ich sehr gern (viel) Zeit alleine, konzentriere mich auch mich und auf meine Projekte.

    Grüße aus Österreich,
    Florian

  3. Hola Tim,

    du schreibst aus meiner Sicht einen ganz zentralen Satz: „Für mich persönlich bedeutet Ortsunabhängigkeit vor allem: Routinen im Kleinen, Abwechslung im Großen.“

    Genau hier scheitern meiner Erfahrung nach sooooooo viele Menschen. Und mit Scheitern meine ich den traurigen Gedanken über sich selber. „Aber ich wollte doch noch…..“

    So machen es Viele genau anders herum:

    Mit einem Riesenaufwand versucht man sich in Routinen und Kleinigkeiten „frei“ (was immer das auch sein soll) und „unabhängig“ zu machen.

    Und in diesem täglichen Kampf um seine kleinen „Freiheiten“ vergessen wir immer wieder sich auf das von dir beschriebene „Grosse“ zu konzentrieren. Das frustriert und saugt Energie. Jede Menge Energie.

    Oder so….

    Mach weiter so und viele Grüsse

    Markus

  4. Hallo Tim,
    Ich bin ganz Deiner Meinung, eine tägliche Routine ist ganz wichtig. Es ist aber gar nicht einfach, diese Routine aufzubauen. Man lässt sich so schnell von etwas ablenken.
    „Routine zeigt, dass man Interessen und Passionen folgt, die einen antreiben.“ – das finde ich einen tollen Satz, ganz, ganz wichtig.
    Bis bald,
    Martina

  5. Hallo Tim,

    die Art, wie du das digitale Nomadentum beschreibst und handhabst finde ich ziemlich erstrebenswert. Genau so stelle ich es mir für mich auch vor. Danke für die vielen Einblicke, die du hier auf deinem Blog in dein Leben gibst. Seit ich deine Seite vor ein paar Monaten entdeckt habe, war ich selbst gerade für einige Zeit im Ausland und habe über vieles Nachgedacht. Ich konnte hier eine Menge guter Ansätze finden. Mach weiter so!

    Viele Grüße aus Berlin
    Nina

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