Schnelllebigkeit und Flexibilität sind Bestandteil unserer Generation. Sie werden nicht nur vom Arbeitsmarkt gefordert, sondern ziehen sich, bis hin zu unseren Liebesbeziehungen, durch alles in unserem Alltag hindurch. Als Digitale Nomaden gehören wir auch hier mit zur Speerspitze der Geschehnisse. Wer lebt schließlich flexibler als wir?

Diese unglaubliche Schnelllebigkeit und Flexibilität entsprechen unserem Zeitgeist, sagen die einen. Sie sind eine Seuche, die uns kaputt macht, sagen die anderen. Egal, wie man es sieht: Verbindlichkeit und Festlegung scheinen in unserer Generation Y wie Wörter aus einer vergangenen Zeit.

Längst hat sich herumgesprochen, dass in Hauptstädten wie Berlin zwar fleissig gevögelt, getindert und gegrindert wird, aber dass langfristige Beziehungen besser woanders zu finden sind.

„Ich kann mich grad nicht so festlegen“ gehört in Berlin spätestens beim zweiten oder dritten Date ins Standardrepertoire. Es könnte schließlich noch etwas Besseres vorbeikommen. Auf Tinder, oder an der Käsetheke. Lieber gar keine Bindung, als im falschen Moment nicht „flexibel“ sein zu können.

Dieses Phänomen beschränkt sich natürlich nicht aufs Dating, sondern zieht sich durch viele weitere Lebensbereiche. Auch im Business ist es präsent, besonders im Ortsunabhängigen.

Neueste Erfindung im Bereich Entrepreneurship ist der sogenannte Polypreneur. Ein Polypreneur ist laut Definition ein Unternehmer, der sich nicht so recht festlegen möchte, nach kurzer Zeit an einem Projekt das Interesse verliert und am liebsten alles gleichzeitig machen will. Ein weiteres, perfektes Beispiel für das oben beschriebene Phänomen unserer Zeit.

Spätestens hier fragt man sich doch, was falsch läuft, dass so viel falsch verstandene Flexibilität als eine besondere Art des Unternehmertums gefeiert wird. Wer keine Geduld mehr hat, ein Buch zu Ende zu lesen, der sollte dies möglichst wieder lernen. So sehe ich es auch beim Durchhalten von Projekten. Fehlendes Durchhaltevermögen ist nichts, dass man feiern sollte.

Dass man sich Begeisterung, Leidenschaft und Liebe – egal ob in Bezug auf einen Menschen oder in Bezug auf ein Business über einen gewissen Zeitrum erarbeiten, ja sogar erkämpfen muss, das scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Ausgelöscht aus dem kollektiven Gedächtnis.

Das Credo lautet: Die Liebe und Leidenschaft zu etwas oder jemandem hat sofort da zu sein, sonst ist es, er oder sie nichts wert. Selbst Mühe investieren? Wo kommen wir denn da hin?

Blogger verkünden in Artikeln Tipps zur Leidenschaftssuche. Darüber Headlines wie „So findest du deine Leidenschaft“. Ganz so, als wäre Leidenschaft etwas verloren gegangenes, dass irgendwo auf einer einsamen Landstrasse an der Bushaltestelle sitzt und darauf wartet, von seinem Herrchen abgeholt zu werden.

Aber auch Leidenschaft muss man sich erarbeiten. Man kann sie nicht finden. Genau so wenig, wie man Liebe finden kann.

Schmetterlinge im Bauch, die können von alleine kommen. Aber die haben genau so wenig mit wahrer Liebe zu tun, wie die Zahl 13 und einem Tag voller Pech. Sie können zusammen kommen, aber treten häufig genug auch unabhängig voneinander auf.

Das englische Wort „Commitment“ hat im deutschen gleich mehrere Bedeutungen. Es steht für: Verpflichtung, Engagement, Einsatz, Bindung, Festlegung, Bekenntnis, Einstandspflicht, Hingabe, Verantwortung, Verbindlichkeit und Zusage.

Wörter, die für mich persönlich etwas Magisches haben und mit zunehmendem Alter immer mehr an Reiz gewinnen. Denn wer für etwas verbindlich einsteht, sich bindet und Verantwortung übernimmt, der erarbeitet sich etwas Langfristiges und gibt zugleich anderen Menschen eine wahre Chance. Egal, ob es in Bezug auf Business, Liebe oder allen anderen Bereichen im Leben ist.

Gerade auch wir als digitale Nomaden sind Könige und Königinnen in Sachen Unverbindlichkeit. Wir halten uns am liebsten alles offen. Wir legen uns nicht fest, an welchem Ort wir im nächsten Monat unser Köpfchen betten oder welches tolle, neue Projekt wir als nächstes angehen.

Immer alles darauf ausgelegt, bloss keine zu festen Bindungen mit einem Ort oder mit anderen Menschen einzugehen.

Sicher ein Grund, warum das Leben als digitaler Nomade gerade wie Arsch auf Eimer auf den aktuellen Zeitgeist passt. Locker, flockig, unverbindlich. Und zum Daten am besten gleich auch einen Nomaden, keine Kompromisse. Denn wenn der eine in die Alpen und der andere an die Nordsee will, dann fährt man ja auch nicht stattdessen nach Düsseldorf.

Ich kritisiere diese Lebensentscheidung nicht, eher frei von Festlegungen zu leben und erwische mich selbst in einigen Bereichen meines Lebens immer wieder dabei, unverbindlich zu bleiben und und sprunghaft zu sein. Außerdem liebe ich die Freiheit als ortsunabhängiger Unternehmer. Aber wenn man in Bezug auf den Ort keine Bindungen hat, so braucht man sie womöglich um so mehr in anderen Bereichen?

Diese persönliche Erkenntnis möchte ich dir mitgeben: In den letzten Jahren sind für mich in ausnahmslos all jenen Bereichen des Lebens, in denen ich mich (neudeutsch ausgedrückt) „committed“ habe, die tollsten Dinge passiert.

Es gab natürlich immer eine vorhergehende Experimentalphase, aber irgendwann war es Zeit für Verbindlichkeit. Erst dann habe ich Leidenschaft, Liebe, ein tolles Team und prosperierende Projekte gefunden, die mir langfristig Spaß machen und meine Leidenschaft entfacht haben.

Es muss bei dir nicht so sein, aber du kannst es ja auch einmal ausprobieren!

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim lebt und arbeitet seit mehr als vier Jahren als ortsunabhängiger Unternehmer abwechselnd in Berlin, Saigon und Bangkok. Er betreibt einen Outsourcing-Service für Architekten und ist zudem Gründer des Citizen Circle. Zudem schreibt er als Autor über das ortsunabhängige Leben und Arbeiten.

12 Antworten zu “Ist das die grosse Seuche unserer Generation Y?”

  1. Hallo Tim,

    Meiner Beobachtung nach besteht bei vielen Dingen kein linearer, sondern ein exponentieller Bezug zwischen dem, was man reinsteckt (Committment) und dem, was man am Ende rauskriegt. In einfacherem Deutsch: Geerntet wird erst am Schluss. Im letzten Absatz schreibst du das ja selbst: Die tollsten Dinge sind passiert wenn du dich für etwas committed hast. Ich glaube es ist auf Dauer deutlich ergiebiger einer Sacher 100% der Aufmerksamkeit zu geben als 5 Dingen je 20%. Nicht falsch verstehen: Die Währung ist hier keinesfalls nur Geld.

    Viele Grüße,
    Jan

  2. Hey Tim,
    ich stimme dir absolut zu, dass Unabhängigkeit nicht das große Ziel sein kann. Ich sehe die Freiheit und Unverbindlichkeit als Mittel zum Zweck.
    Hier in Nepal beispielsweise ist das Leben bestimmt von Verbindlichkeiten. Im Grunde könnte man deinen Lebenslauf schon vor der Geburt schreiben. So wird hier beispielsweise auch relativ wahllos geliebt und geheiratet. Man heiratet hier eben, weil das so erwartet wird, genau so wie man den Hof der Eltern weiterführt, weil das so erwartet wird. Damit sind die Leute hier völlig einverstanden. Sie suchen nicht die Unverbindlichkeit wie wir. Wenn ein Ehepaar Streit hat, zieht die Frau ein paar Tage bei ihren Eltern ein, bis sich die Wogen geglättet haben, dann holt der Mann sie nach Hause. Liebe ist hier etwas, woran gearbeitet wird, denn die Nepalesen wissen: Sie sind eine Bindung eingegangen.

    Allerdings zeigt sich dabei auch, dass sich viele der Nepalesen selbst kaum kennen. Grade in den Städten sehen die Leute die amerikanischen Musikvideos, wo sich alles um Geld und Partys dreht und denken, dass bräuchten sie auch zu ihrem Glück, so wie die Leute in Amerika und Europa es ab den 70ern gemacht haben (nicht, dass ich dabei gewesen wäre, aber so mein Eindruck :-D)

    Mit der Unverbindlichkeit haben wir die große Chance zu experimentieren. Wir können verschiedene Rollen einnehmen und sehen, wie wir uns dabei fühlen. Wir bekommen unterschiedliche Perspektiven und können diese vergleichen. Ziel ist in meinen Augen nicht, alle paar Wochen alles über den Haufen zu schmeißen, aber es kann ein Weg sein um das zu finden, was man wirklich will, denn ich glaube – und das ist, wenn ich das deinem Artikel richtig entnommen habe, der Unterschied in unseren Sichtweisen – daran, dass Menschen unterschiedlich sind und nicht jeder sich für alles begeistern kann.
    Aber vielleicht änder sich diese Sichtweise auch noch. Da kann ich mich grade nicht so festlegen 😉

    Liebe Grüße
    Jannis

  3. Passt eigentlich gerade gut zur Weihnachtszeit, zu der wir uns plötzlich kaum noch Materielles wünschen – hallo Minimalismus – sondern voll von Wünschen für unsere Lebenshauptrolle sind.

    Vor allem Zeit wollen wir. Zeit für Freunde, Zeit für uns, Zeit für unsere Ideen, Zeit für unsere Projekte.

    Ich verzettele mich gerade selbst gerne. Ich liebe meinen 9 to 5 und würde ihn nicht aufgeben wollen, aber gleichzeitig hätte ich gerne einen erfolgreichen Reiseblog, der genauso gut läuft wie der eines Digitalen Nomaden und außerdem würde ich gerne noch drei bis vier Projekte realisieren, die in meinem Kopf rumspucken. Diese Freiheiten …

    Ich bin gespannt wie sich das alles noch entwickelt. Auf der einen Seite beflügeln uns glaube ich mehrere Projekte, weil wir angetrieben und voller Leidenschaft sind, auf der anderen ist da die Gefahr, der Überforderung und das Problem vieles anzufassen, aber nichts richtig zu machen.

    Ich bin gespannt wie es weiter geht. MIt der Zeit. Mit Lebenseinstellungen und mit Leidenschaften.

    Liebe Grüße
    Tanja

  4. Maximilian Kraft

    Wir verstricken uns heute nur zu oft und zu gern in der Illusion, alles tun und lassen zu können sei Freiheit. Und wer möchte nicht die absolute Freiheit?

    Irgendwann merkt man dann, dass man zwar gestresster aber keineswegs „freier“ geworden ist. Das wird man nämlich erst dann, wenn man genau seinen eigenen Weg gefunden hat und ihn auch geht.

    Um ihn zu finden, kann es natürlich notwendig sein, erst einmal völlig unfestgelegt durchs Leben zu tingeln – oder auch nicht – kommt halt drauf an …

  5. Lieber Tim,

    toller Beitrag, danke dafür! Du sprichst mir aus dem Herzen! Diese Sprunghaftigkeit kann verletzend sein und der Drahtseilakt zwischen Egoismus und Freiheit finde ich schwierig. Wie sollen irgendwelche Beziehungen funktionieren, wenn man sich nie dazu bekennt? Und damit meine ich Freundschaften und Businesskontakte genau so wie Liebesbeziehungen.

    Auf jeden Fall ein toller Artikel!

    Lieber Gruss
    Karin

  6. Super Artikel, der mir aus der Seele spricht :-) Den Kommentaren ist eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen, außer vielleicht der Spruch, den ich neulich irgendwo aufgeschnappt habe: „Hin und her macht Taschen leer.“

    LG Tobias

    • Tim Chimoy

      Danke Dir für deinen Kommentar, Sabine :) Angst, etwas zu wagen sehe ich auch als großes Problem. Kompromisse finde ich allerdings auch nicht ideal. Ich denke, Commitment geht auch, ohne alles in Kompromisse zu verpacken – denn diese sind oft „Probleme im spe“ aus meiner Erfahrung.

  7. Schön beobachtet! Das Problem mit der Unverbindlichkeit ist, dass sie im Grunde ein „weg von“ ist, im Gegensatz zum (bewussten!) Commitment als einem „hin zu“. Wobei ein „weg von“ erst einmal verständlich ist, wenn es um die Befreiung von Zwang, Konformismus, Erwartungsdruck und Vereinnahmung geht, den Schattenseiten der Verbindlichkeit. Zum Problem wird es dann, wenn man sich nicht irgendwann beginnt zu fragen, was man eigentlich wirklich will, und sich weiterhin nur an dem orientiert, was man nicht (mehr) will. Denn klar, ein Leben, dass vor allem auf Vermeidung basiert (ob bewusst oder unbewusst), kann auf Dauer keine Erfüllung bringen. Commitment nur um des Commitments Willen sehe ich aber genauso kritisch, jedenfalls, so lange man nicht weiß, was das eigene „hin zu“ sein soll. Aber wenn man es weiß, fällt das Committen dann auch gar nicht mehr so schwer :)

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