Aussteigen: Und wenn’s mal nicht klappt?

Ich mochte diese Idee: viel reisen, sich überall niederlassen können und einfach mal machen, was mir gerade einfällt. Das war der Plan.

Die Welt zu erleben, tagsüber das gute Wetter zu genießen und abends nicht mit Kunden die Zeit tot schlagen zu müssen.

Vielleicht auch mal etwas Gutes zu tun, nach einer Naturkatastrophe in ein Land zu fahren und mit anzupacken, eine ehrbare Idee, wenn da nicht die Umsetzung auf der Strecke geblieben wäre und Lethargie als ein dominanter Gegenspieler aufgekommen wäre.

Hallo, ich bin Patrick, 41 aus NRW und der Ausstieg aus der Tretmühle hat bei mir nicht so funktioniert, wie ich es erhofft hatte.

Nicht, weil ich schlecht geplant hatte – sondern weil ich nichts geplant hatte!

Mein Ausstieg: Was war passiert?

In der Schule war ich immer im unteren Leistungsdrittel und hatte das Glück, nach dem Gymnasium weder zum Bund noch in den Ersatzdienst zu müssen. Ein Studium kam für mich nicht in Frage, was gar nicht an meinen schlechten Noten, als vielmehr an meiner mangelnden Lernbereitschaft für das Theoretische lag.

Somit wurde ich das, was sich meine Eltern (zugegebener Massen zu einer Zeit, in der dieser Beruf noch hoch angesehen war) vorgestellt hatten: Bankkaufmann.

Spätestens jetzt denke ich darüber nach, dass ein Blog ja auch Leser braucht. Bankkaufmann? Also da muss noch was kommen, sonst bricht mir die Kundschaft hier schneller weg als dem Markus Lanz, der fällt nur weicher – der hat einen Vertrag. Na gut: Hedgefonds, Krankheit, Gangster, Insider, Bankrott, Manipulation, Louis Vuitton, geile Autos, schnelle Frauen? Jaja, klar, war alles dabei, lies mal weiter..

Die Ausbildung lief gut, die Leute mochten mich und durch Sympathie und das notwendige Quäntchen Glück kam ich meinem Traum näher und konnte kurz nach der Ausbildung nach Frankfurt wechseln, in den Investmentbereich einer großen Bank.

Investmentbanking ist schon geil und ich möchte die Zeit nicht missen. Die Atmosphäre  im Handelsraum einer Bank infiziert.

Es geht gar nicht so sehr um die Kohle, die man verdient.

Darüber denkt man vorher natürlich auch nach und möchte mitschwimmen. Aber diese Atmosphäre ist fast unbeschreiblich.

Es geht um viel Geld anderer Leute und hohe Margen bei den Geschäften, aber jeder Fehler kostet direkt richtig Geld, die Summen sind gigantisch. Wer sich gut anstellt und in diesem „Beruf“ aufgeht, der bekommt schnell Verantwortung. Mein größter Deal war damals ein Termingeschäft mit einer Zentralbank über USD 1.5 Milliarden.

Mein Chef war gerade auf’m Pott und der Kunde wollte am Telefon nicht warten, also stellte ich mich hin, rief es den Händlern auf der anderen Seite des Raums zu stellte den fucking price. Ich war damals übrigens 27 Jahre alt und und seit einem Jahr dabei.

Für ca. 60-90 Sekunden waren aus dem Handelsraum ca. 150 Augenpaare auf mich gerichtet – Leute die teure Uhren sammeln, Porsche fuhren, Golf spielten, in den Designerläden mit Handschlag und Champagner begrüßt wurden und (das muss man diesen Bankern bei allen negativen Schlagzeilen zugestehen) alle überdurchschnittlich smart waren.

Mein damaliger Chef, Udo, eine Mischung aus Axel Schulz und Gordon Gecko, wies mich beim Thanksgiving Dinner an der Bar lautstark darauf hin: „Patrick, was machst Du da? Wo stehst Du? Sieh Dich um, hier sind die besten Banker aus Frankfurt. Alle überdurchschnittlich intelligent und ich habe die meisten davon selbst eingestellt. Warum stehst Du bei den Trainees. Stell Dich zu den Direktoren.“ … und er stellte mich den Männern nochmals vor.

Glaub es oder glaub es nicht. Doof sind die alle nicht und das Schöne am Schlauen ist, dass sich extrem ungewöhnliche Charaktere herausbilden.

Es ist alles dabei, nur extremer als ich es aus der freien Wildbahn kannte: Gentleman, Prolet, Sozialamöbe, Rambo, Terminator aber auch Drohnen und Mitläufer die Physik oder Astronomie erfolgreich studiert haben, Schnellleser, Leute die alles mitkriegen, die telefonieren und einer Diskussion folgen und zur gleichen Zeit Telekom-Optionen am Computer handeln.

Frauen und Männer mit einer wahnsinnigen Auffassungsgabe und der ständigen Sucht nach Bestätigung und der damit einhergehenden Kohle.

Schlagabtausch und Cheeseburger

Allmorgendlich kommt es um kurz nach 7 zum Schlagabtausch. Dabei wird kein Blatt wird vor den Mund genommen. Jeder teilt aus und fast jeder steckt ein, argumentativ stark und auch mal unter der Gürtellinie.

Wer zu spät kommt, der muss für die Abteilung, und das können bis zu 80 Mann sein, Cheeseburger mitbringen, wobei die Strafe nicht die verlorenen 80 Euro sind, sondern die Zeit, die man dann morgens zusätzlich verschwendet und die einem dann über den Tag wirklich fehlt. Krass, oder ?

Nichts desto Trotz habe ich einige wenige sehr gute Freunde in dieser Zeit gewonnen. Gute Ratgeber mit dem Herzen am rechten Fleck. Danke dafür.

Irgend etwas fehlte mir dann seit 2007. Den Erfolg war ich gewohnt und da ich sparsam bin, lag meine Sparquote über 40% obwohl ich immer gut gelebt und nie beim Discounter eingekauft habe.

Ich wechselte den Arbeitgeber und wurde bei einer anderen Bank wieder als Herr Direktor eingestellt. Aber es füllte mich nicht mehr aus. Keine Frau, keine Kinder, keine Immobilie, keine Firma, keine Verantwortung – nur mir selbst gegenüber. Das Image der Banker lag nahe am Gefrierpunkt und ich hatte eh keine Lust mehr.

Meine Kündigung und alles danach

Ein halbes Jahr später habe ich gekündigt mit der Gewissheit, etwas auf die Beine stellen zu können. Ersparnisse waren ausreichend vorhanden. Aber erst einmal wollte ich reisen. Ich habe meine Wohnung gekündigt, die Möbel verkauft und bin schön in der Business Class nach Neuseeland geflogen, wo ich mich für 15 Dollar in einem Hostel einquartiert habe.

Rundreise, weiter nach Sydney und später nach Asien. Es war eine geile Zeit, in der ich viele verschiedene Leute kennenlernen durfte. Party, Talk, Sex, Fotosafari, illegale Clubs in Asien, Wohnwagen, Camping, Full Moon Party am Strand … alles außer Drogen. Die waren nie mein Ding. Geil, aber irgendwie ziellos.

Am Ende der Reise flog ich nach Hause und wußte schon im Flugzeug nicht, was ich in Düsseldorf machen sollte, außer eine neue Wohnung zu suchen. Welch große Aufgabe.

Ich hatte keinen Plan, keine Aufgabe

Ich wusste nicht, wie ich Geld verdienen sollte, wusste nicht wie ich mich beschäftigen soll, hatte nichts mehr von meinem Job zu erzählen und konnte mich auch leider für nichts begeistern oder mit einer Sache oder einem Thema identifizieren.

Ich rede gern und höre auch gern zu, aber selbst zu machen, selbständig zu sein, davor habe ich jetzt größten Respekt, egal in welchem Business, denn dieser innere Schweinehund, den man überwinden muss, um sich selbst zu disziplinieren ist wahrscheinlich größer als der Yeti und stärker als ein Mammut.

Einige Freunde haben mich vorher gewarnt aus dem Job zu gehen ohne zumindest einen Plan oder eine Vorstellung zu haben. Aus heutiger Sicht war ich dumm – aber damals fand ich mich ganz schön mutig.

Irgendwann hatte ich dann meine Wohnung gefunden und die eigenen Projekte wurden weniger und weniger – die Ersparnisse allerdings auch.

Keine Sorge, ich habe noch was und bekomme weder AG1 oder AG2, aber die tägliche Aufgabe fehlt mir, etwas, worin ich mit Leidenschaft aufgehe.

Die täglich Aufgabe macht’s, oder nennen wir es Plan oder Routine. Ohne diese kommst Du nicht aus dem Quark.

Leider ist es ein Trugschluss zu denken, dass irgendwann der Geistesblitz kommt.

Der kam bei mir weder für eine Geschäftsidee, noch für eine gute Bewerbung, einen neuen Job oder ein neues Hobby. Work leads to work, leads to work, leads to happiness. Im Umkehrschluss gilt leider auch: Boredom leads to boredom, leads to boredom, leads to lethargy.

Ich hoffe hier irgendwann auch mal über ein persönliches Happy End schreiben zu können. Einerseits geht es mir gut, ich fühle mich nur ziemlich leer und brauche einen Job. Nächsten Monat geht es wahrscheinlich nach Thailand, wo ich ein paar gute alte Freunde treffen könnte.

Ich verspreche mir davon viel, eventuell durch gute Gespräche eine gute Idee zu bekommen, was ich mit meiner Zeit anstelle könnte. Ich mag den Urlaub der anderen Leute: Endlich haben die mal Zeit, länger mit mir zu reden.

Traveller, digitaler Nomade, Aussteiger, oder Vagabund, was auch immer. Die Idee ist schön und hat auch romantische Aspekte, die mittlerweile in vielen Blogs glücklicherweise klargestellt wurden:

Mach es, aber mach einen Plan.

Alles Gute und danke für Dein Interesse, Patrick

P1040742

Vielen Dank an Patrick für diesen Gastartikel, der bisher noch kein Happy End zu bieten hat. Eben eine Geschichte aus der Realität, ohne rosa Brille. Wir freuen uns über deine Gedanken hierzu in den Kommentaren. Falls dich das Thema interessiert, lies hier weiter: Dinge voran bringen, Chronische Langeweile und der Weg heraus.

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

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13 Comments

  1. Patrick (35 comments):

    Hm, spannende Geschichte, die hoffentlich noch ein Happy End findet. Wie lange hängst Du denn schon orientierungslos durch?

    • Patrick (35 comments):

      Seit über einem Jahr. Genau kann ich es nicht sagen, da ich an keinem Zeitpunkt festmachen kann, wann ich den Faden verloren habe.

      • Patrick (35 comments):

        Klang, so als sei es am Ende Deiner Reise gewesen. Dass Dir unterwegs nichts einfällt, ist nicht so ungewöhnlich. Jedenfalls ging es mir genauso. Ich kam zurück und wusste immer noch nicht, was ich machen sollte.

        Wenn Du es Dir leisten kannst, überleg vielleicht mal, wem Du mit Deinen Fähigkeiten (evtl. auch aus dem Finanzbereich) helfen kannst. Wer kann von Dir profitieren? Warum solltest Du überhaupt anfangen, an etwas zu arbeiten (abgesehen vom Geld)?

        Mir haben diese Fragestellungen geholfen.

  2. Thomas (5 comments):

    Boredom leads to boredom, leads to boredom, leads to lethargy. Aber woher kommt boredom? Vielleicht bist du einfach kein Entrepreneur und solltest dir wieder einen Job als Angestellter suchen? Es hat ja einfach nicht jeder den “Entrepreneurial Spirit”. Auch eine Einsicht, die man finden kann.

  3. Patrick (35 comments):

    Interessant und gut zu wissen. Wie hast Du den Dreh gekriegt ? Was war der Auslöser ?

    • Patrick (35 comments):

      Einen richtigen Auslöser gab es nicht. Ich habe irgendwann angefangen, meinen Reiseblog mit anderen Augen zu sehen, will seitdem Nutzen stiften und das Geld folgt dem Nutzen. Das Buch “Start with why” hat jedenfalls dabei geholfen, den Dingen mehr Sinn geben zu können.

      Außerdem habe ich einen zweiten Blog, mit dem ich bisher 0 Euro verdient habe, aus dem aber vermutlich ein Buch entsteht. Das bringt vermutlich Geld. Vielleicht aber auch nicht ;-)

      Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Aber seit ich in “Nutzen” denke, habe ich das Gefühl, dass mir immer rechtzeitig neue Ideen kommen.

  4. Rob (1 comments):

    Hi Patrick,
    toller Beitrag. An einigen Stellen habe ich mich wiedererkannt (laenger und erfolgreich in einem gut bezahlten Job und dann alles kuendigen und ab an den Pazifik), an anderen weniger (mir fehlt es nicht an Ideen).

    Falls du Interesse hast, dich ueber deine und meine Situation naeher auszutauschen, koennen wir uns gerne auf skype treffen. Ich habe unter der Verlinkung in der Digitale Nomaden Gruppe auf fb einen Kommentar hinterlassen, schreib mich gerne an.

  5. Line (2 comments):

    Wie geil!!! Danke Patrick! ich habe auch meinen Job gekündigt, ebenfalls ohne Plan – aber leider auch ohne dein Geldpolster ;))
    Aber was sein muss, muss sein! Wozu es gut war wird man eines Tages wissen, oder auch schon heute! …ich jedenfalls bereue nichts!
    Falls dir langweilig ist Patrick – ich hab Zeit ;)
    Liebe Grüße aus Köln

  6. Alexander (1 comments):

    Hallo Patrick!

    Bin in einer ähnlichen Situation, jedoch schon immer Unternehmer und mache gerade einen Schnitt und Neuanfang. Hab mein Unternehmen verkauft. Wenn Du Lust auf Austausch hast, melde Dich. alexandergrosse at yahoo de

  7. Julia (4 comments):

    Toller Beitrag!!!! DANKE
    **Du bist toll PATRICK** bis ganz bald

  8. Alexandra (1 comments):

    Patrick, beim Lesen deines Beitrags ist mir echt die Kinnlade runter geklappt. Unsere Geschichten sind so ähnlich! Ich habe auch einige Zeit im Banking gearbeitet (M&A), aber egal wie interessant und smart die Kollegen waren, wie schön die Boni – irgendwann ergab das Ganze keinen Sinn mehr. Es füllte mich nicht aus, ich war leer und brauchte dringend Abwechslung vom Hamsterrad.

    Meine Reise ging fast an die gleichen Orte wie bei dir – ich startete auch in Neuseeland, war ebenfalls in Australien und Asien. Jedes Mal wenn ich herauszufinden versuchte, was ich in Zukunft beruflich machen möchte und wie mein Leben überhaupt aussehen sollte, bekam ich schlechte Laune – ganz einfach weil ich keinen blassen Schimmer hatte! Also beschloss ich, die Reise einfach nur zu genießen, ohne zu viel zu Grübeln. Natürlich hoffte ich auch insgeheim auf die “Erleuchtung” – die kam aber nicht.

    Es waren ganz großartige 1,5 Jahre, aber die Ernüchterung folgte, als ich wieder nach Deutschland zurückkehrte. Natürlich total ohne Plan, ohne Job oder Wohnung. Jetzt, ein dreiviertel Jahr später, habe ich auch wieder in einem festen Job (allerdings nicht mehr im Banking) und bin zurück im Hamsterrad. Aber ich sage dir – Spaß ist was anderes!

    Happy end ist bei mir auch noch nicht in Sicht, aber ich bereue keinen Tag, dass ich gereist bin. Ich weiß nur eines – ich muss es bald wieder tun! Im “normalen” Leben funktioniere ich zwar ganz okay, aber das reicht mir einfach nicht, es ist nicht erfüllend. Was unglaublich gut tut, sind Gespräche mit ähnlich gesinnten Leuten. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn wir uns austauschen würden, Patrick! Tim, es wäre super, wenn du meine E-Mai Adresse weiterleiten könntest. Vielen Dank!

    Übrigens, der Post ist wirklich klasse geschrieben und Tim: dein Blog ist der Hammer.

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