Machst du dir Abends im Bett auch häufig gute Vorsätze für den Folgetag? Früher ins Bett zu gehen? Gesünder zu essen? Lang geplante Ziele endlich anzugehen?

Seinem zukünftigen Ich das blaue vom Himmel zu versprechen, ist relativ leicht. Dabei vergißt man leider schnell, dass man am nächsten Morgen immer noch die selbe Person ist. Aber die Konsequenz ist ein sich ewig wiederholender Kreis von falschen Versprechungen.

Jeden Abend sagt man sich wieder genau die selben Dinge auf. Das Spiel wiederholt sich in Endlosschleife.

„Heute kann ich noch einmal zuschlagen und alles in mich hinein stopfen, denn morgen wird alles anders und ich esse nur noch gesund. Morgen ist der Tag, an dem ich meine Diät-Pläne in die Tat umsetzen werde.“

„Es ist nicht so schlimm, wenn ich heute erst um 3 Uhr einschlafe und noch den Film zu Ende gucke. Denn ab morgen werde ich ja jeden Abend um 23 Uhr im Bett sein und über einem Buch einschlafen.“

Mal sind die Vorsätze größer, mal sind sie kleiner. Aber eines bleibt immer gleich: Außer den Vorsätzen passiert nicht viel.

„Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.“ – Diesen Satz habe ich in meiner Kindheit häufig von meiner Großmutter gehört. Sie hat damit wohl recht. Aber es ist gar nicht so einfach, über den eigenen Schatten zu springen.

Hin und wieder erwische ich mich dabei, wie ich wieder einmal all meine Hoffnungen auf mein zukünftiges Ich abschiebe. Soll der es doch richten!

Dabei vergesse ich schnell, das morgen ja schon Morgen ist und mein zukünftig ich sich bis dahin kaum von mir unterscheidet. In der kurzen Zeit tut sich nicht viel. Wir sind uns so nah. Alles beim alten.

Aber wie kommt man aus diesem Kreislauf heraus? Gibt es einen Ausweg?

Das ultimative Rezept gegen Aufschieberitis gibt es leider nicht. Es hilft jedoch bereits, sich einzugestehen, dass man als Mensch immer noch ein ziemlich irrationales und instinktgetriebenes Tier ist.

So viel Selbstbestimmung, wie wir es uns selbst gern einreden, haben wir nämlich eigentlich gar nicht.

Gern reden wir uns ein, dass wir und im Griff hätten, und durch Rationalität und Vernunft unser eigenes Verhalten steuern könnten. Aber so einfach ist es leider nicht, wenn man ehrlich zu sich ist: Die effektivste Lösung ist am Ende dann wohl doch, sich selbst zu bescheißen.

Die gute Nachricht ist: Sich selbst zu bescheißen funktioniert im Negativen, aber zum Glück auch im Positiven.

Zu allererst solltest du damit aufhören, viel zu hohe Erwartungen an dein zukünftiges Ich zu stellen. Er oder Sie ist nämlich keinesfalls klüger als du. Du bist morgen immer noch der gleiche Mensch.

Wenn du etwas schon 5 Mal aufgeschoben hast, wird sich da morgen nicht plötzlich etwas dran ändern. Ernste Veränderungen deiner Gewohnheiten funktionieren nur in kleinen Schritten und mit Selbstüberlistung.

Selbstüberlistungstaktiken gibt es viele. Eine davon ist es beispielsweise, den (bildlich zu verstehenden) Rucksack über den Zaun zu schmeißen. Es bleibt dir somit nichts anderes übrig, als hinterher zu klettern.

Das geht wunderbar, in dem du anderen Menschen von deinen Vorsätzen erzählst, und einen externen Erwartungsdruck aufbaust, den du dann erfüllen willst, um nicht als Idiot dazustehen.

Noch wichtiger ist es aber, die richtigen Gründe und Belohnungen zu implementieren. Warum tust du, was du tust? Was springt am Ende für dich dabei heraus?

Wenn du abnehmen willst, dann organisiere doch schon einmal für nächsten Monat eine große Poolparty? Klingt radikal? Aber funktioniert besser, als sich einfach nur Vorsätze einzureden.

Wenn du ein Projekt endlich abschließen willst, dann verpflichte dich verbindlich dazu, in dem du mit Freunden eine Geldstrafe vereinbarst, die du bei rechtzeitiger Erledigung in eine Belohnung investieren darfst.

Ich bin mir sicher, dir fallen selbst viele Dinge ein, mit denen du dich austricksen kannst und Verbindlichkeit erzeugen kannst. (Teile sie gerne mit den anderen Lesern in den Kommentaren.)

Menschen sind gar nicht so intelligent, wie sie denken. Ich merke dass jeden Tag aufs Neue an mir selbst. Verabschiede dich also von der Illusion, dich immer im Griff zu haben, und fang an, dich auszutricksen!

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

10 Antworten zu “Aufschiebritis: Morgen alles anders?”

  1. Hallo Tim,

    Meiner Meinung nach verbirgt sich hinter der Floskel „das mache ich morgen“ oft gar kein Plan, die Aufgabe wirklich am nächsten Tag zu erledigen, sondern nur eine Rationtionalisierung, mit der wir uns erklären, warum wir es bisher noch nicht getan haben.

    Warum habe ich es heute nicht getan? Achja richtig: Weil ich es morgen machen werde 🙂

    Dieses Spiel kann man beliebig oft wiederholen. Teilweise habe ich das über Monate so gemacht. Immer von einem Tag auf den nächsten verschoben, bis die Bereitschaft da war, es wirklich zu tun. Was letztendlich den Ausschlag gegeben hat, die Sache endlich zu tun, weiß ich leider nicht mehr. Wahrscheinlich war es eine Frist oder Druck von außen.

    Das Bild vom Rucksack, den man über den Zaun wirft, gefällt mir übrigens sehr gut 🙂

    Viele Grüße
    Jan

    • Tim Chimoy

      Danke für deinen Kommentar, Jan. Das mit der Rationalisierung kann sehr gut sein, macht Sinn. Das ist so, wie man auch Entscheidungen, die eigentlich intuitiv getroffen wurden im Nachhinein immer durch Rationalisierung zu begründen versucht – und am Ende redet man sich ein, die Entscheidung wäre rational getroffen worden 😀

    • Moin Tim,

      ich kenne das Problem. Wie du umschrieben hast, ist das setzen von verbindlichen Zielen ein guter Weg.

      Ich habe für mich erkannt, das ich mir oft zu viel auf einmal vornehme.

      Viele nehmen sich das Ziel: Sport machen, immer zur selben Zeit aufstehen, jeden Tag lesen…Das tun Sie dann alles auf einmal. Das wird dann ein paar Tage durchgezogen und dann knallt es. Das Leben ist dafür da, Erfahrungen zu sammeln. Der Weg muss genossen werden =).

      Es fühlt sich viel besser an, gezielt eine Sache vorzunehmen und diese auch so viel wie möglich zu reflektieren.
      Das Reflektieren ist ein wichtiger Schritt, um eine neue Gewohnheit zu festigen.

      Ich versuche auch immer das Gefühl + Ergebnis der neuen Gewohnheit mit der alten Gewohnheit zu vergleichen. Wenn eine Gewohnheit nicht für die eigenen Ziele förderlich ist, kann man diese wieder verwerfen.

      LG
      Sven – my-lifedesign.de

  2. Hi Tim,

    wumms, voll erwischt! Da prokrastiniere ich heute (allerdings nach einer sonst ziemlich produktiven Woche) fröhlich vor mich hin, habe als einzigen Punkt meiner To-do-Liste geschafft, Dr D ins Winterquartier zu bringen und stoße dann auf deinen Artikel über Aufschieberitis 🙂

    Mein wichtigstes Learning: Ich geißele mich nicht mehr so sehr wie früher dafür. Wenn ich solche Tage akzeptiere, dann schiebe ich nicht so viel schlechtes Gewissen vor mir her, das mich dann noch eher vom Beginn oder Weitermachen einer wichtigen Aufgabe abhält. Nachdem ich weiß, dass ich alles, was mir super wichtig ist oder bei dem ich konkrete Deadlines habe, auch hinbekomme, kann ich Prokrastination in einem gewissen Rahmen sogar etwas abgewinnen.

    Um große Dinge zu ändern, ist aber tatsächlich Verbindlichkeit unumgänglich. Darüber habe ich kürzlich in einem Blogartikel geschrieben, der sich beim Anklicken meines Namens oben öffnet 😉

    Liebe Grüße (soll ich mich jetzt heute nochmal aufraffen?)

    Mischa

  3. Ich finde Aufschieberitis gar nicht so schlimm. Sie hat auch positive Seiten. Manches löst sich im Zeitablauf sowieso in Luft auf. Und: Alles, was wir gerne machen, schieben wir ja schließlich nicht auf. Wenn es also etwas gibt, was ich wirklich immer und immer wieder aufschiebe, frage ich mich, warum ich das überhaupt machen will. Muss das wirklich sein? Musst ich das wirklich selbst machen? Da komme ich manchmal zu erstaunlichen (Selbst-)Erkenntnissen.

  4. Maxi Kraft

    Sich selbst betrügen? Geht, ist aber viel zu kompliziert. Es gibt so viele Methoden seine Ziele zu erreichen, ich habe selbst erst wieder 10kg abgenommen – ganz ohne Tricks. Es geht, aber es geht nicht mit „rationalen“ Mitteln, mit „dem Verstand“ – denn der unterliegt den Trieben fast immer. Also die Sache entweder direkt bei den „Trieben“ packen oder noch eine Stufe weiter gehen und auf energetischer Ebene was machen. Hat man sich daran gewöhnt, gehen plötzlich Dinge …

    Ansonsten muss man sich vorher natürlich überlegen ob es nicht einen guten Grund gibt, etwas aufzuschieben. Die meisten Dinge die wir glauben tun zu müssen müssen wir gar nicht tun weil sie im Endeffekt völlig irrelevant sind. Merkt man immer dann, wenn man sie nicht erledigt und einfach nichts passiert.

  5. Ich finde es sehr schlimm. Dieses Problem kenne ich.
    Man sollte viele kleine Projekte in einen Großen Projekt machen und dann mit „mini Zielen“ arbeiten, diese wiederum haben auch wieder „minimini Ziele“.
    Sowas habe ich im Tool „Todoist“ umgesetzt. Seid dem ich dieses Schema habe kann ich sowas von produktiv arbeiten.;)

  6. Hi Tim,

    aus meiner Sicht beschreibst du da einen richtig guten Ansatz und damit dann auch die im Grunde einzige Möglichkeit. (Sehen wir von Zen-Mönchen eines Klosters einmal ab)

    Gerne möchte ich noch einen Punkt ins Spiel bringen der vor der Aufschieberitis beginnt:

    – Ist es echt sinnvoll ab jetzt jeden Morgen um 3:43 aufzustehen?
    – Muss ich für mein Seelenheil wirklich jeden Tag an meinem Bild weiter malen? Warum male ich überhaupt ein Bild
    – Wenn mir Laufen keinen Spass macht, WARUM ZUR HÖLLE will ich dann jede Woche 3 mal joggen?
    – usw. usw.

    Die „Unterlassung“ ist auch immer eine Alternative die sich lohnt zu prüfen. Oft kann diese Frage sein die viel „Druck“ rausnehmen.

    Ich kann mich selber (da hört keiner zu und ich kann 100 % ehrlich sein) fragen, ob es eine echte Motivation ist die mich dazu treibt mir für Morgen etwas vorzunehmen. Oder ist es eher etwas externes? Weil das aktuell so ist? Weil es smart ist in diesen Tagen? Weil meine Freunde gucken schon doof weil ich das nicht mache und auch noch für total bescheuert halte.

    So werden aus den beschriebenen 5 Dingen die ich morgen beginnen muss um die Weltherrschaft an mich zu reissen vielleicht nur Zwei oder gar nur Eine Aktion oder eine Verhaltensänderung.

    Und dann geht das mit dem sich selbst bescheißen locker von der Hand.

    Sonnige Grüsse und be committed

    Markus

  7. Hey Tim,

    cooler Artikel, der die Sache auf den Punkt bringt, denke ich.

    Es ist ohnehin viel zu viel Energie- und Zeitverschwendung die ganze Zeit beim „zukünftigen Ich“ zu sein. Denn das „zukünftige Ich“ erlebe ich ja immer im Jetzt. Es gibt also gar kein zukünftiges Ich. Nur das Ich, dass ich jetzt bin. Nicht wahr?

    Best wishes,
    Chris von chrisgsellmann.at

  8. Hallo Tim,

    zu deinem Artikel hätte ich noch etwas hinzuzufügen. Die „Aufschieberits“ zu besiegen ist nicht einfach, aber ich denke man kann es schaffen, indem man produktive Gewohnheiten ausbildet. Nachdem ich mal gelesen hatte, dass 21 Wiederholungen Gewohnheiten schaffen, war es für mich an der Zeit dies zu tun.

    So sollte man sich z.B. einen regelmäßigen Schlafrhythmus ausbilden (möglichst früh Aufstehen!) und sich dann sofort am Morgen an die Arbeit machen. Am Besten noch die Schwierigste Aufgabe anpacken und erledigen. Danach läuft es doch immer fast wie von selbst.

    Besten Gruß,
    Fabian

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