31. Dezember 2011. Ein magischer Tag für mich. Nicht, weil ich an diesem Tag besonders viel Zeit zum Grübeln hatte. Und auch nicht, weil es der letzte Tag eines wirklich katastrophalen Jahres war. Während ich in der erbarmungslosen australischen Sonne gemeinsam mit zehntausenden anderen Menschen darauf wartete, dass es endlich losging, traf ich eine folgenschwere Entscheidung.

Eingepfercht in einen abgesperrten Bereich, striktes Alkoholverbot, um 16 Uhr bereits für alle weiteren Besucher geschlossen. Also saß ich auf einer Wiese im Halbschatten und grübelte. Noch 8 lange Stunden, bis das große Feuerwerk starten sollte. Ich saß, lag, saß, und das Gedankenkarussell drehte sich.

Es muss wohl eine Mischung aus verschiedenen Dingen gewesen sein, die an diesem Tag einen Hebel in mir umlegten. Ein Job, vor dem es mir graute. Tiefgehende Gespräche mit Freunden. Ein Schicksalsschlag im Jahr zuvor. Der Wunsch, einfach in der Ferne zu bleiben.

Genau weiß ich nicht, was den Ausschlag gab. Jedenfalls entschied ich mich an diesem Tag das zu tun, was kurze Zeit später dann in meiner Selbstständigkeit und meinem heutigen Leben als digitaler Nomade endete. Ich entschied mich, meinem Leben eine neue Richtung zu geben. Ein Bruch in meinem Leben.

Viel hat sich seither getan. Unendlich viel. So fühlt es sich zumindest an.

Der Austausch mit ähnlich denkenden Menschen. Aber eben genau so auch der Austausch mit völlig anders denkenden Menschen, die andere kulturelle Hintergründe haben, hat mich stark verändert. Aber auch die Fehlschläge und Erfolge. Die Beschäftigung mit meinen eigenen Macken. Das alles führte zu einem bunten Strauß von Erkenntnissen, die ich in vergangenen Jahren gesammelt habe. Einige davon fasse ich heute einmal zusammen, in der Hoffnung, dass sie dir auch ein wenig helfen.

Permanentes Reisen ist wie eine Droge

Viele digitale Nomaden nutzen ihre Freiheit oft und gern zum Reisen. Ich gehöre auch zu diesem Nomadenschlag. Ich reise für mein Leben gern. Trotzdem musste ich feststellen, dass auch das Reisen wie eine Art Droge ist und erschreckend oft mit einem „vor etwas weglaufen“ verbunden ist. Das gestehen sich die wenigsten Vielreisenden ein, aber aber bei den meisten von ihnen ist es so.

Reisen ist eine Droge. Macht einen High. Lenkt einen ab. Nimmt man zu viel, lässt die Wirkung nach, es stellt sich irgendwann kein so starkes High mehr ein und es entsteht eine unbefriedigende Abhängigkeit.

Seit ich das für mich erkannt habe, reise ich wieder weniger. Ich bleibe länger an einem Ort, komme immer wieder dorthin und baue Beziehungen zu Menschen auf. Ich muss nicht ständig etwas Neues entdecken, ein bisschen Alltag finde ich hin und wieder sogar gut.

Keine Frage, trotzdem reise ich nach wie vor gern umher. Es hilft aber, sich der Suchtgefahr des Reisens bewusst zu machen und sich einzugestehen, dass man sich davon nicht frei machen kann. Alles in Maßen! Ds ist generell eine gute Regel im Leben, und es gilt auch fürs Reisen (allein schon aus ökologischen Gründen).

Es geht um Menschen, nicht um Orte

Wonach wähle ich also aus, an welchem Ort ich Zeit verbringe? Ehrlich gesagt interessieren mich Nomadenlisten, Wetterberichte, die Anzahl der Coworking Spaces oder die Höhe der Downloadraten nur peripher. Ich freue mich, wenn es vor Ort eine lebendige Szene ortsunabhängiger Selbstständiger gibt. Gutes Netz ist auch immer angenehm.

Aber das sind nur Nebenkriterien. Im Grunde geht es vor allem um Menschen, und ein gewisses Gefühl von Heimat, dass sie mir vermitteln. Orte, an denen ich häufig war, und immer wieder zurück komme, weil ich dort Freunde gewonnen habe. Wenn ich mir heute überlege, warum ich mir einen bestimmten Ort aussuche, dann sind die Menschen, die dort leben oder gemeinsam mit mir Zeit verbringen das allererste Kriterium.

Jeder braucht Heimat

Damit sind wir dann auch schon beim Heimatbegriff. Oft heißt es ja „digitale Nomaden sind rastlose Suchende.“ Wir seien heimatlose Streuner, die mit wenig sozialen Bindungen auskommen oder irgendwann wie Eremiten ticken und zwangsläufig Eigenbrötler werden.

Zwar kann man das meiner Meinung nach nicht pauschalieren, aber an der Gefahr ist schon etwas dran. Ich kenne so manch einen digitalen Nomaden, der oder die sehr eigenbrötlerische Züge an den Tag legt, mich selbst eingeschlossen.

Es hat etwas gedauert, das zu erkennen, aber heute weiß ich: Ich brauche ein Gefühl von Heimat, sehr sogar. Für mich ist dieses Gefühl jedoch in erster Linie nicht an einen Ort geknüpft, sondern an Menschen, die mich mögen und die ich mag. Heimatbedürfnis und ortsunabhängiger Lebensstil schließen sich in keinster Weise zwangsläufig aus.

Darum bin ich gern in Berlin. Darum bin ich aber auch immer wieder gern in Bangkok. Oder in Helsinki. Oder auch in Köln. Das sind alles Orte, an denen ich Freunde habe, die mir das Gefühl von Heimat geben. Feste Ankerpunkte zu haben ist eigentlich ziemlich cool. Das geht auch als Nomade, aber sie müssen ausreichend gehegt und gepflegt werden. Pass auf, dass du nicht zu einem einsamen, heimatlosen Streuner wirst. Ab und zu mit sich selbst allein sein zu können ist wichtig. Aber irgendwann zu merken, das man niemanden mehr hat, ist wohl das Schlimmste.

Ich erinnere mich oft zurück an die vielen einsamen alten Menschen, die ich während meines Zivildienstes betreut habe. Wie dankbar sie waren, wenn man jede Woche nur 30 Minuten zu ihnen zu Besuch kam. Der Gedanke zerreißt mir das Herz. Unsere europäische Eigenbrötler-Mentalität führt in die Vereinsamung und ein Gefängnis bietet zudem mehr Luxus als so manches Altersheim. Allein sein können: Ja. Ortsunabhängiges Leben: Ja. Aber hege und pflege deine (Ver)bindungen.

Gute Gründe zu haben, ist eigentlich ziemlich cool

Warum tust du, was du tust? Diese Frage habe ich mir in der Vergangenheit viel zu selten gestellt. Mittlerweile ist das Warum aber in vielen Bereichen mein Hauptantrieb, denn ich habe gemerkt, was für ein unglaublicher Rocket-Booster eine gute Antwort auf das „Warum“ sein kann.

Nicht in allem, was ich tue, habe ich das. Aber ich hoffe, ich komme dort noch hin.

Damals, vor 3 Jahren, dachte ich, dass es ausreicht, selbstständig zu sein, ortsunabhängig zu sein und direkt in die eigene Tasche zu wirtschaften. Ich dachte, allein dies zu erreichen würde mich schon so viel zufriedener machen, dass ich mi keine großen Gedanken mehr machen müsste.

Aber das war ein Trugschluss. Zufrieden macht mich, und ich glaube das gilt auch für die meiste Menschen, in allererster Linie, auf das „Warum“ eine gute Antwort zu haben. Alles andere kommt danach.

Für diesen Blog habe ich im Übrigen eine sehr klare Antwort auf das „Warum“. Daher wird es ihn auch noch sehr sehr lange geben.

Stress hat man nicht, Stress macht man sich

Hui. Diese Erkenntnis kommt leider reichlich spät. Wäre mir das früher klar geworden, hätte ich mir sicher manch graues Haar erspart. Auch heute muss ich mir diesen Satz immer wieder mehrmals wöchentlich gebetsmühlenartig aufsagen, damit ich mich besinne und locker mache. Gar nicht so leicht.

Stress entsteht nicht durch zu viel Arbeit, die einfach aus dem Himmel auf meinen Arbeitstisch herunterschneit. Stress (und ich gestehe, ich fühle mich oft gestresst und überladen) ist reine Kopfsache, eine Entscheidung, die man selbst trifft und vor allem eine Frage des eigenen Zeitmanagements.

Niemand muss Stress haben. Stress ist körperliche Anspannung. Sie kommt nicht von außen, sie kommt von innen. Stress kann sich extrem negativ auf die eigene Produktivität auswirken. Stress macht krank. Stress macht mir Schlafprobleme. Stress ist kein Zeichen dafür, noch schneller arbeiten zu müssen, sondern vielmehr ein Warnsignal, dass etwas mit der Fokussierung der eigenen Gedanken schiefläuft.

Ich habe mir in den letzten 3 Jahren sehr viel Stress gemacht. Ich habe in meinem Inneren viele Seifenblasen aus Stress aufgeblasen und mittlerweile weiß ich, wie ich diese platzen lassen kann. Stress verpuffen zu lassen, ist das Tollste, was es gibt.

Persönliche Weiterentwicklung ist mein „Sinn des Lebens“

Der Sinn des Lebens ist genau so persönlich und individuell wie die Wahl der eigenen Lieblingseiscremesorte. Viele mögen Zitrone oder Schoko am liebsten, aber am Ende entscheidet doch jeder für sich selbst.

Das Leben hat keinen Sinn an sich (Fortpflanzung als zwingend nötigen Vorgang zum Erhalt der Menschheit einmal ausgenommen). Man muss ihm selbst einen geben. Die Anhäufung von Geld oder materiellen Dingen als „Sinn“ schließe ich hier einmal aus (ich finde ein Vermögen zu machen gut und erstrebenswert, aber es kann kein echter Lebenssinn an sich sein, höchstens das, was man dann mit diesem Geld anstellt).

In den vergangenen Jahren konnte ich sehen, wie positiv es sich in vielen Bereichen auswirkt, wenn man Zeit in die persönliche Weiterentwicklung investiert. Ich habe gemerkt, dass man nicht nur selbst davon profitiert, sondern auch das eigene Umfeld. Daher steht dies für mich nun auch an erster Stelle, wenn ich mir die „Warum“ Frage für mein gesamtes Tun stelle. Findest du Egoistisch? Sehe ich nicht so.

Höre auf deinen Bauch

Jetzt wird es vielleicht ein bisschen esoterisch. Der Mut zu schweren Entscheidungen ist ein ganz wichtiges Element, wenn es darum geht, den Lebensweg in die eigenen Hände zu nehmen. Selbstständigkeit, ein ortsunabhängiger Lebensstil – all dies beginnt mit einer schweren Entscheidung. Und auch danach werden die Momente, in denen man schwere Entscheidungen treffen muss, nicht weniger. Im Gegenteil.

Dabei habe ich für mich festgestellt, dass der Bauch mein bester Ratgeber ist.

Nein, nicht der Kopf. Auch nicht das Herz. Der Bauch!

Wie ich das meine? Ich versuche es mal etwas bildlich zu erläutern: Im Bauch kommen sozusagen die ersten Impulse von Kopf und Herz zusammen und geben dir im Zusammenspiel, unmittelbar wenn eine Entscheidung ansteht, ein (Bauch-)Gefühl dafür, was richtig ist. Das geschieht noch, bevor die Entscheidung vom Kopf tiefer analysiert und vom Herzen abgefühlt werden konnte.

Dieses Zusammenspiel von Herz und Kopf funktioniert nur im Bauch, und sobald eines der anderen Dinge überhand gewinnt, ist das Gefühl wieder weg und kommt nicht zurück.

Vielleicht funktioniert das Zusammenspiel bei dir ein wenig anders, vielleicht weißt du aber auch ganz genau, was ich meine. Ich jedenfalls habe für mich erkannt, dass ich häufig am besten damit fahre, auf dieses anfängliche Bauchgefühl zu hören.

Es hilft im Übrigen auch, schwere Entscheidungen trotzdem relativ schnell zu fällen und nicht der Versuchung zu erliegen, diese am Ende gar nicht zu fällen sondern dem Schicksal oder gar anderen Menschen zu überlassen.

Danke, dass du es bis hier unten geschafft hast. Ich hoffe, du hast dich in dem einen oder anderen Punkt wiedergefunden. Wenn du mehr von mir lesen möchtest, dann interessiert dich neben meinen kostenlosen Blogartikeln ja vielleicht auch mein aktuelles Buchpaket. Schau mal rein!

Und jetzt würde ich mich freuen, wenn du Lust hast, deine eigenen Gedanken zu diesem Artikel zu hinterlassen:

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

8 Antworten zu “7 Dinge, die ich seit meinem Nomadendasein gelernt habe”

  1. Hi Tim,

    interessant, wie sich die Erkenntnisse nach einigen Jahren des Nomaden-Daseins entwickeln. Ich fand am Anfang auch einfach nur die Idee geil. Egal weshalb, ich kann das machen, das ist was ganz besonderes und ich bin einfach nur frei. Auch ich hatte nach einem Jahr das Gefühl, dass beim Reisen die gleiche Routine aufkommen kann wie in einem „konventionellen“ Leben. Und ich suche immer mehr nach dem Grund, etwas zu tun und mein Leben so zu leben, wie ich es tue. Das muss wohl am Alter liegen 🙂

    Am meisten finde ich mich darin wieder, persönliche Weiterentwicklung als Sinn des Lebens zu sehen. Das ist auch für mich der Fall. Mit mir selbst werde ich den Rest des Lebens verbringen, und unabhängig von materiellem Besitz habe ich mich selbst immer dabei, egal, was passiert.

    Danke für deine Einblicke!

  2. Christina

    Lieber Tim!
    Danke für das Teilen Deines Weges, Deiner Gedanken und Erkenntnisse. Ganz besonders angesprochen hat mich Dein Aspekt zum Reisen. Ich reise auch gern. Bisher noch nicht viel und nicht weit. Ich meine mit reisen nicht Urlaub machen, sondern echt reisen. Reisen hat für mich auch nichts mit schnell hierher und dorthin reisen. Mit Schrecken habe ich gestern in unserer Regionalzeitung gelesen, dass jemand ein Buch über „10 Länder in 10 Tagen“ oder so ähnlich, geschrieben hat. Wie gruselig. Das ist definitiv kein reisen. Reisen braucht Zeit. Deswegen gefällt es mir, was Du schreibst. Du verzichtest darauf viel zu reisen, weil es sonst an Bedeutung verliert. Alles in Maßen. Das sehe ich auch so. Und vor allem: Nicht so schnell! Dafür danke ich Dir!
    Nun zu einem anderen Thema: Das Bauchgefühl. Ich denke manchmal, dass ich mein Bauchgefühl, meine Intuition verloren habe. Hast Du Tools wie ich wieder näher an mich selbst komme? Dafür wäre ich Dir dankbar!
    Liebe Grüße,
    Christina

    • Hey Christina
      Dnke für deinen lieben Kommentar 🙂
      @Reisen: Wir sind uns einig. “10 Länder in 10 Tagen” oder “alle Länder der Welt besuchen” sind wirklich komische Konzepte, da stimme ich dir zu. Das ist reines Briefmarkensammeln und hat nix mit Reisen und Erfahrungen machen zu tun. Schokolade schmeckt irgendwann auch nicht mehr so gut, wenn man jeden Tag ne Tafel reinzieht :))
      @Bauchgefühl: Ich denke, mehr Achtsamkeit hilft hier. Zur Ruhe kommen. Aber auch ich habe hier noch viel zu lernen und kenne es gut, dass sich das Bauchgefühl in stressigen Zeiten einfach mal verabschiedet. Ist vielleicht auch ganz normal 🙂
      Tim

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